Erwartung

Hat „Erwartung“ einen guten oder eher einen bedrückenden Klang? Etwas von jemandem erwarten kann diesen belasten. Denn er, an den sich die Erwartung richtet, muss nicht gleich im Stande sein, seine Freiheit zu behaupten. Was, wenn ich die Erwartung nicht erfülle: Liebesentzug oder Respekt? Was, wenn Erwartung wirklich Warten ist – auf das, was nicht in meiner Kontrolle liegt, sondern sich frei zeigen will: Überraschung, gar Wunder? Anderseits: Nichts mehr voneinander zu erwarten kann Ausdruck davon sein, miteinander abgeschlossen zu haben. Oder sowieso mit dem Schlechten rechnen. Was bringt das: Etwas von Gott, von den Menschen, von sich selber erwarten?

„O König aller Völker, ihre Erwartung und Sehnsucht, Schlussstein, der den Bau zusammenhält: komm und errette den Menschen, den du aus Erde gebildet!“ Dieser alte Gebetsruf des Advents drückt sehnsüchtiges Warten aus. Was, wenn wir in den aktuellen Krisen auf keine Rettung mehr warten? „Du kannst eh nichts machen und wirst eh enttäuscht.“ Die zweite Adventskerze spricht davon, dass das Licht nicht allein bleibt. Advent - tiefe Erwartung vieler Menschen, bewusste Hoffnung der Christen: Dass Hilfe kommt, dass Gott seine Geschöpfe nicht vergisst, dass das Licht still am Wachsen ist.
Pfarrer Bernhard Schiller, Katholische St. Lullus-Gemeinde, Bad Hersfeld